Sie reisten um die halbe Welt – um schwedisches Slöjd zu erleben

Von Colorado (USA) und São Paulo (Brasilien) in einen schwedischen Holzwerkunterrichtsraum. Luke Johansson und Luis Otavio Araujo sind Tausende von Meilen gereist, um zu erleben, wie Slöjd in Schweden unterrichtet wird – ein Fach, von dem sie überzeugt sind, dass es das Leben von Kindern verändern kann.

Eine Fernsehsendung veränderte alles

Die Geschichte von „Sloyd Experience“ begann im Jahr 2018, als Luke und seine Frau Allison zufällig eine Folge der amerikanischen Fernsehsendung „The Woodwright’s Shop“ sahen. In dieser Folge ging es um die Geschichte von Otto Salomon und die Philosophie hinter dem schwedischen Slöjd-Unterricht.

„Wir hatten das Wort ‚Slöjd‘ noch nie gehört. Aber als wir die Philosophie dahinter verstanden hatten, war uns sofort klar, dass sie heute genauso aktuell ist wie damals.“

Was sie am meisten inspirierte, war die Vorstellung, dass Slöjd Eigenschaften wie Konzentration, Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit und Durchhaltevermögen fördert – Fähigkeiten, von denen Kinder unabhängig von ihrem späteren Beruf profitieren.

Zwei Jahre später hielten sie ihre allerersten Kurse unter einem Baum in einem örtlichen Park ab. Heute ist Sloyd Experience eine wachsende gemeinnützige Organisation, die jedes Jahr Hunderten von Kindern Slöjd näherbringt.

Fehler gehören zum Lernen dazu

In ihrer Werkstatt gibt es eine Wand, an die sich jedes Kind erinnert.

Sie wird die „Wand des Lernens“ genannt. Dort werden Projekte ausgestellt, die schiefgegangen sind – ein an der falschen Stelle gebohrtes Loch, ein gesprungenes Stück Holz oder ein zu kurz geschnittenes Werkstück.

„Es ist keine Wand des Scheiterns. Es ist eine Wand des Lernens. Jeder macht Fehler, und jeder Fehler lehrt uns etwas.“ Luke erzählt den Kindern oft, dass er selbst derjenige ist, dessen Projekte am häufigsten an der Wand hängen. Auf diese Weise werden Fehler zu nichts, wofür man sich schämen müsste, sondern zu einem natürlichen und wertvollen Teil des Lernprozesses.

Ein Ort, an dem Kinder wachsen

Im Laufe der Jahre hat Luke viele Kinder sich verändern sehen, doch ein Junge ist ihm besonders in Erinnerung geblieben.

Der Junge hatte erhebliche Lernschwierigkeiten, Englisch war seine Zweitsprache, und anfangs kommunizierte
er über ein iPad.

„Slöjd wurde zu seinem Glücksort. Man konnte buchstäblich beobachten, wie sein Selbstvertrauen von Woche zu Woche wuchs.“

Für Luke ist das der Beweis dafür, dass es bei Slöjd um weit mehr geht als nur darum, den Umgang mit Werkzeugen zu lernen.

„Kinder müssen den Stolz erleben, etwas aus eigener Kraft zu schaffen.“

Was im Unterricht jedoch am meisten gefeiert wird, ist nicht, wenn Kinder schneller mit einem Hobel oder einer Säge umgehen können. Es ist vielmehr, wenn sie besser damit umgehen lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren, wenn etwas schiefgeht. Wenn ein Fehler nicht mehr zu Frustration oder Aufgeben führt, sondern das Kind stattdessen ruhig ein neues Stück Holz nimmt und es erneut versucht.

„Dann sehen wir echtes Wachstum“, sagt Luke.

Ein sicherer Ort für Kinder in Brasilien

Luis entdeckte „Sloyd Experience“ erstmals über Instagram und hatte sofort das Gefühl, dass er Teil dieser Bewegung werden wollte. Heute leitet er das Programm in Brasilien.

Dort sieht die Realität ganz anders aus. Viele der Kinder stammen aus Familien mit sehr begrenzten Mitteln, und Slöjd wird für sie zu einem sicheren Hafen.

„Wenn sie zu uns kommen, betreten sie eine andere Welt.“

Die Kinder nehmen freiwillig teil, und viele hängen so sehr an dem Programm, dass sie weinen, wenn sie nicht mehr daran teilnehmen können.

„Es wird zu einem sicheren Ort für sie“, sagt Luis.

Inspiriert von Schweden

Bei ihrem Besuch in Schweden geht es vor allem darum, von der schwedischen Slöjd-Tradition zu lernen.

Sie sind beeindruckt davon, wie Slöjd nach wie vor ein selbstverständlicher Bestandteil des Lehrplans ist und wie die Schüler dazu ermutigt werden, sowohl Kreativität als auch Problemlösungsfähigkeiten zu entwickeln.

Sie heben auch die Fähigkeit der Lehrer hervor, den Schülern Freiheit zu gewähren und ihnen gleichzeitig Anleitung und Unterstützung zu bieten.

„Es gibt eine Struktur, aber auch Raum für individuelle Ideen. Das ist etwas, das wir auf jeden Fall mit nach Hause nehmen werden.“

Ein Traum, der die ganze Welt umspannt

Luke zögert nicht, wenn er nach der Zukunft gefragt wird.

„Unser Traum ist es, dass jedes Kind auf der Welt mindestens einmal Slöjd erleben darf.“ Das mag ambitioniert klingen, sagt er, aber große Träume sind wichtig.

Und wenn man Luke und Luis zuhört, wird klar, dass es hier eigentlich nicht um Holz, Werkbänke oder Handwerkzeuge geht.

Es geht darum, Kindern die Möglichkeit zu geben, etwas zu entdecken, von dem viele nie wussten, dass es existiert – die Freude, das Selbstvertrauen und den Stolz, die entstehen, wenn man etwas mit den eigenen Händen schafft.